Thalidomid soll sicherer werden


In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachte die Firma Grünenthal ein Schlafmittel auf den Markt, von dem sie sich enorme Gewinne versprach. Es wurde zum größten Arzneimittelskandal überhaupt.

1953 begann das Unternehmen mit der Entwicklung einer Substanz, für die es noch gar kein wirkliches Einsatzgebiet gab: Thalidomid. Im Tierversuch zeigten sich keinerlei schädlichen Effekte, und Thalidomid wurde erst zur Vermeidung von epileptischen Anfällen und später als Schlaf- und Beruhigungsmittel vermarktet. Es wurde vor allem auch Schwangeren verschrieben, weil es gegen die morgendliche Übelkeit in der Schwangerschaft half.

Schon Ende der fünfziger Jahre kam es immer häufiger zu Missbildungen bei Neugeborenen. Sie kamen ohne Arme oder Beine zur Welt. Das Thalidomid hatte die Entwicklung der Embryos beeinträchtigt, und so fehlten den Kindern die Arme oder Beine ganz oder waren fehlgebildet. Weltweit waren nach Schätzungen bis 10.000 Kinder betroffen; vermutlich kam es wegen der Entwicklungsstörungen auch zu zahlreichen Fehlgeburten.

Jetzt haben Forscher herausgefunden, wie genau es zu den Fehlbildungen kam: Thalidomid bindet, zumindest im Tierversuch, ein spezielles Eiweiß an sich. Dieses Eiweiß ist aber an der Bildung von Extremitäten maßgeblich beteiligt. Wenn diese Eiweiß-Bindung vermieden werden kann, wäre Thalidomid ein risikoärmeres Medikament. Bisher aber blockiert es bei der Entwicklung des Embrys die Bildung der notwendigen langen Knochen für die Extremitäten und die Ausbildung von Blutgefäßen. Dazu stört es noch das Wachstum verschiedener anderer Gewebetypen.

Voraussetzung für den Einsatz von "sicherem" Thalidomid ist allerdings, dass die Erkenntnisse aus den Versuchen mit Fischen und Vögeln auch auf den Menschen zu übertragen sind.

Der Grund, warum Forscher überhaupt danach streben, Thalidomid sicher zu machen, ist folgender: Die Substanz wird in der Behandlung des multiplen Myeloms, einer sehr schweren Krebserkrankung des Knochenmarks und bei schweren Leprafällen eingesetzt.

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